Um die ganze Debatte abzukürzen kann schon einmal vorweggenommen werden, dass es keine generell eindeutige, aus dem individuellen Zusammenhang gerissene Antwort auf diese Frage gibt.
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben
Jedoch kann erst einmal denjenigen abgeraten werden, die eine Ausbildung nur anstreben, um die Wahl des Studiums noch etwas verzögern zu können. Denn ist dies die einzige Motivation, kann man davon ausgehen, dass sich die Zeit sinnvoller nutzen lässt, indem man sich einfach an Studiengängen versucht, die vorab zumindest halbwegs im eigenen Interesse liegen. Ein Fach lässt sich immer noch relativ leicht wechseln, Vorlesungen anderer Fächer können nebenbei besucht werden. Zudem dauert das Semester nur ein halbes Jahr, wohingegen die Ausbildung zwei oder drei Jahre in Anspruch nimmt, die verglichen mit den variablen Möglichkeiten und Freiräumen, die das Studium bietet, sehr vereinnahmend sind.
Braucht man wirklich den inhaltlichen Abstand, kann zum Beispiel das klassische Auslandsjahr als Alternative in Betracht gezogen werden, das nebenbei fremdsprachlich fit macht und so als ein deutlicher Pluspunkt für den späteren Berufseinstieg gewertet werden kann.
„Schnelles Geld“
Ebenso abwegig ist eine Ausbildung nur wegen des „schnellen Geldes“. Zwar ist der Wunsch, auf eigenen Beinen zu stehen und so schnell wie möglich ein dementsprechendes Auskommen zu haben, verständlich, aber auch genauso kurzsichtig, wenn man bedenkt, wie gering die Differenz von im Schnitt drei Jahren Lehre und fünf Jahren Studium im Vergleich zur Arbeitszeit insgesamt ist und dass Hochschulabsolventen, wenn sie denn arbeiten, höhere Gehälter beziehen.
Zur Vorbereitung
Generell sinnvoller ist eine Ausbildung, die thematisch zum zukünftigen Studiengang und in den eigenen Lebenslauf passt, nicht nur um sich zu orientieren, sondern auch vor allem dann, wenn es sich aufgrund der zu strengen Zulassungsvoraussetzungen, zum Beispiel eines hohen NCs, lohnt, Wartesemester zu sammeln, welche die Chancen erhöhen, im gewünschten Studiengang angenommen zu werden. So hätte man gleich zwei Fliegern mit einer Klappe geschlagen. Dies ist zum Beispiel bei einem angestrebten Medizinstudium der Fall, dass sich durch eine Ausbildung zur Krankenschwester / zum Krankenpfleger gut vorbereiten lässt. Zusätzlich profitiert man von den in der Praxis erworbenen Kenntnissen.
Fallen die „Orientierungsfunktion“ und das „Wartesemester-Argument“ aber weg, ist die Sinnhaftigkeit einer vorgeschoben Ausbildung sehr stark vom Studiengang abhängig. Beispielsweise haben Mediziner im Allgemeinen auch ohne diese sehr gute Jobchancen, wohingegen sie bei vielen wirtschaftlich ausgerichteten Fächern häufig das Zünglein an der Waage ist für offene Unternehmenstüren. Hier sollte man sich einfach ein umfassendes Bild von den Erfordernissen des angestrebten Berufes machen, bevor man sich entscheidet.
Uni „goes“ Ausbildung
Bei seiner Wahl sollte man auch bedenken, dass sich die Bildungssysteme im Zuge der Rationalisierung, gekennzeichnet vor allem durch Bachelor- und Masterstudiengänge, tendenziell den Prinzipien der Ausbildung annähern. Das Studium wird straffer durchorganisiert, verschulter und praxisorientierter. Viele Fakultäten kooperieren mit einschlägigen Unternehmen, fördern nachhaltige Praktikumsplätze sowie Stellen für Abschlussarbeiten. Pointiert drückt sich diese Entwicklung in der zunehmenden Verbreitung von dualen Studiengängen aus, die eine Gradwanderung aus Studium und Lehre darstellen.
Einschränkend sei bemerkt, dass die positive Auswirkung dieses Trends – der leichtere Berufseinstieg durch Praxisorientierung – besonders an den Geisteswissenschaften relativ unbeteiligt vorbeizieht. Hier gilt es immer noch, selbst die Initiative zu ergreifen, um durch Nebenjobs und Praktika in Medien, Organisationen usw. einen Fuß in die Tür der Arbeitswelt zu bekommen. Für diese ist aber wiederum nicht selten das Studentendasein bzw. ein abgeschlossenes Grundstudium Pflicht.