Aber auch wenn man sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen will, lässt sich doch zumindest mit Gewissheit feststellen, dass Berlin innerhalb Deutschlands dem Puls der Zeit am nächsten ist, oder genauer: in Deutschland ist Berlin der Puls der Zeit. Ein weiteres Merkmal: Berlin lässt sich schwer kategorisieren oder auf einen Nenner bringen. Es ist zum Beispiel in studentischer Hinsicht weder die Großstadt mit obligatorischem Uni-Anteil noch die typische Uni-Stadt mit dem fest umrissenen Studentenviertel. Es ist all dies und liegt doch jenseits davon. Das macht seinen Reiz aus.
Die Stadt der Wissenschaft
Berlin ist nicht nur Bundeshauptstadt, sondern mit 3,4 Millionen Einwohnern und 27 Hochschulen Spitzenreiter sowohl bei Flächengröße und Bevölkerungsdichte als auch bezüglich der Konzentration an Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen. Als ob man es nicht schon geahnt hätte, werden die meisten sagen. Deshalb nur ganz kurz die Fakten zur Bildung:
In der Stadt gibt es vier Universitäten, vier Kunsthochschulen, sieben Fachhochschulen und zwölf private Hochschulen. Den Großteil der rund 140.000 Studenten, von denen etwa 15 Prozent aus dem Ausland kommen, findet man an den Universitäten. Namentlich sind das die Humboldt-Universität, die Freie Universität, die Technische Universität und die Universität der Künste. Erwähnenswert ist beispielsweise die Charité, die sich aus den medizinischen Fakultäten der Freien und der Humboldt-Universität zusammensetzt und mit vier Standorten die größte medizinische Hochschuleinrichtung Europas ist. Hervorgehoben werden kann auch, dass die Freie Universität seit ihrer Auszeichnung durch die Exzellenzinitiative im Jahr 2007 zu den deutschen Eliteuniversitäten zählt. Daneben gibt es sage und schreibe über 70 öffentlich finanzierte Forschungseinrichtungen, an denen mehr als 50.000 Menschen tätig sind. Die bekannteren „Forschungstreibenden“ sind wohl die Fraunhofer- und die Max-Planck-Gesellschaft.
… und der Kultur
Wem der wissenschaftliche Aspekt, der allein so komplex ist, dass jedem Versuch einer beispielhaften Heraushebung ein Moment der Willkürlichkeit anhaftet, nicht ausreicht, um als Indiz für Anspruch durchzugehen, dem sei die klassisch-handfeste Kultur Berlins ans Herz gelegt. Doch steht man hier, will man diese knapp skizzieren, vor genau demselben Problem. Versuchen wir es dennoch einfach mal – anhand der Straße „Unter den Linden“. Als zentrale Verkehrsstrecke verbindet sie zentrale Einrichtungen und Sehenswürdigkeiten, die sich an ihrem Wegrand bzw. in unmittelbarer Nähe befinden: das Brandenburger Tor und der Alexanderplatz mit dem Fernsehturm, die Staatsbibliothek und die Humboldt-Universität, das Deutsche Historische Museum und die Museumsinsel mit Pergamon-, Altem, Neuen und Bodemuseum, die Staatsoper und das Maxim-Gorki-Theater, die Sankt-Hedwigs-Kathedrale und das Alte Palais. Allein für diese Straße, die hier exemplarisch für Berlins Kultur stehen soll, ließe sich die Aufzählung noch ewig weiter fortsetzen, so dass wir nun zu dem „inoffiziellen“ Teil kommen.
Gründe für ihren Reiz
Ja, die Ausgeh- und Individualkultur Berlins. Deren Faszination speist sich im Wesentlichen aus zwei Quellen, die sich gegenseitig bedingen. Erstens ist Berlin spätestens seit dem Ost-West-Konflikt und aufgrund der damit verbundenen (geopolitischen) Lage Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen, komplementären Lebensstilen und -auffassungen, die jeweils für sich beanspruchen, die Herausforderungen der Moderne zu meistern. Aus dieser Reibung und Widersprüchlichkeit erwächst die Dynamik und Ruhelosigkeit Berlins. Sowohl erstere als auch zweite ziehen wiederum Menschen aller Facetten in ihren Bann, so dass die Unübersichtlichkeit als weiteres Hauptmerkmal der Stadt hinzukommt. Zum anderen ist Berlin nicht stringent aus einem historischen Stadtkern erwachsen wie die meisten anderen Städte. Ursprünglich bestanden auf seinem Gebiet viele kleinere Ortschaften, die nach und nach in den Verwaltungsbereich eingegliedert wurden. Dieser, man könnte fast sagen, föderale Charakter der Stadt, der nicht zuletzt durch deren Teilung im Kalten Krieg gefördert wurde, hat sich bis heute erhalten.
Der breite Fächer der Ausgehmöglichkeiten
In Berlin gibt es nicht das Zentrum oder die Erlebnismeile. Auch wenn sich die Schwerpunkte, selbst für Szenekenner schwer vorhersehbar, verschieben, ringen einzelne Stadtteile permanent um die Aufmerksamkeit der Ausgehfreudigen. Einige können dennoch hervorgehoben werden. Die wohl teuerste Variante ist der Bezirk Mitte, der vor allem mit den Hackeschen Höfen und der Oranienburger Straße aufwartet. Hier findet sich neben sehr exklusiven Bars und Restaurants beispielsweise das interessante Kulturprojekt Tacheles e.V. Die Vielfalt an Bars, Clubs und Theatern rund um den Rosa-Luxemburg-Platz und am Anfang der Schönhauser Allee ist ebenfalls nicht zu verachten. Der Prenzlauer Berg kann unter anderem den Helmholtz-Platz und die Kastanienallee als bewährte Studentenepizentren in die Waagschale werfen, aber auch das Gelände der Kulturbrauerei, das etliche Lokalitäten einschließt. Friedrichshain und Kreuzberg bilden zwar einen Bezirk, werden aber aufgrund ihres Überangebots an Ausgehmöglichkeiten immer noch separat behandelt. In Friedrichshain gibt es nördlich der Frankfurter Alle die berüchtigte Rigaer Strasse und südlich davon den Kneipenkiez im Umfeld vom Boxhagener Platz und der Simon-Dach-Strasse. Kreuzberg ließe sich sogar dreiteilen. Hier sind es Wiener und Oranienstrasse (mit dem legendären Konzertklub SO 36) auf der einen, die Schlesische Straße und der Wrangelkiez auf der anderen Seite, aber auch das Barviertel um den nördlichen Mehring-Damm und die Markthalle, die miteinander konkurrieren. Nicht zuletzt rückt auch Neukölln, vor allem wegen relativ niedriger Mieten, in letzter Zeit immer stärker in den studentischen Blickpunkt. Neue Kneipen und Galerien entstehen hier an allen Ecken und Enden in etlichen Nischen, wobei zum Beispiel das Huxley’s in der Hasenheide eine lange Tradition für Veranstaltungen aller Art hat. Neulinge verschaffen sich am schnellsten einen umfassenden Überblick durch Stadtmagazine wie “Zitty”, “Tip” oder “030″.
Das Problem der Ablenkung
In dem Überangebot, das sich rund um die Uhr zur Schau stellt, liegt aber auch für den einzelnen eine ebenso große Gefahr. Bezeichnend ist der so genannte Spätverkauf – einige haben 24 Stunden offen. Wer mit Berlin als Studiumsort liebäugelt, sich jedoch leicht ablenken lässt, sollte daher seinen Aufenthalt vielleicht eher auf ein Semester beschränken. Von den Studenten-Stereotypen, die sich in Berlin identifizieren lassen, ist derjenige alles andere als selten, der formal eingeschrieben ist, aber seine Zeit einzig dem Weggehen und/oder dem Jobben in Bars und Clubs widmet. Man trifft aber auch solche, die daraus die Konsequenz gezogen haben und für das Studieren in eine kleinere Stadt gewechselt sind, um Berlin lediglich zum Feiern einen Besuch abzustatten. Doch Berlin ist verführerisch. Zu guter letzt auch deswegen, weil sich ein Nebenjob immer schnell finden lässt und die Lebenshaltungskosten im Verhältnis zu den meisten anderen deutschen Groß- und Unistädten günstig sind.
Der Wehmutstropfen
In einem Punkt teilt Berlin das Schicksal der meisten Studentenstädte. Nach dem Studium geht es dahin, wo die berufliche Karriere wartet – was für den Großteil nicht in Berlin der Fall ist. Denn im Verhältnis zur Größe gibt es hier für die einzelnen Branchen relativ wenige Arbeitsplätze, sieht man einmal von Ausnahmen wie den Medien oder dem, was sich unter Kultur- und Freizeitindustrie zusammenfassen ließe, ab. Andererseits ist bei den vorhandenen Arbeitsplätzen die Anzahl der Bewerber viel zu groß. Für den Studenten an sich vielleicht nicht so schlimm, aber ein Wehmutstropfen für all jene, die auch nach dem Studium hier bleiben wollen, weil die Stadt es ihnen angetan hat.