Bevor man in die Diskussion um die Erwerbschancen von Geistes- und Sozialwissenschaftlern einsteigt, lohnt sich zuerst ein Blick auf die gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen. Wir leben und arbeiten in einer Zeit, denen einige Forscher der ihnen angehörigen Disziplinen beispielsweise den Stempel der flüchtigen Moderne oder der Risikogesellschaft aufgedrückt haben. Sie ist unter anderem durch einen äußerst flexiblen Arbeitsmarkt und eine unübersichtliche Entwicklung gekennzeichnet. Lebenslange Beschäftigungsverhältnisse, vorgezeichnete Laufbahnen und verlässliche Absicherungen sind spätestens seit dem Ende der 1980er Jahre eher die Ausnahme. Niemand kann exakt vorausberechnen, was morgen sein wird. Flexibilität und Improvisationsvermögen werden folglich zu immer gefragteren Fähigkeiten.
Zwei Wege
In dieses Horn können angehende Geistes- und Sozialwissenschaftler stoßen. Ihnen ist kein Karriereweg vorgezeichnet. Das wissen auch die meisten von ihnen und das ist für viele auch der Grund, warum sie sich für solch ein Studium entscheiden. Dessen Zulauf ist immer noch ungebrochen. Neben dem Interesse für das jeweilige Fach dürfte dafür ein anderer Grund ebenfalls ausschlaggebend sein: die damit verbundene relative Freiheit. Geistes- und Sozialwissenschaftler haben nämlich generell, anders als die meisten ihrer Kommilitonen, die Wahl zwischen zwei Wegen – dem fachspezifischen oder dem des Seiteneinsteigers.
Zugegeben ist die Chance, später in dem eigenen Fach zu arbeiten, entweder in einer artverwandten Tätigkeit oder gar als Wissenschaftler, äußerst gering. Berufe in diesen Feldern, sei es in Stiftungen, Museen usw., werden nicht selten aus öffentlichen Geldern (mit)finanziert, die immer knapper werden. Wenn man nicht gerade auf gute Beziehungen verweisen kann, bedarf es hierfür schon eines starken Ehrgeizes und hervorragender Leistungen. Vor allem bietet sich schon in den ersten Semestern die Grundsteinlegung für den späteren Beruf durch eine thematische Spezialisierung an, die sich nicht nur in der gezielten Wahl der Lehrveranstaltungen, sondern auch in einem entsprechenden Nebenjob, in untermauernden Praktika oder Engagements bei den jeweiligen Organisationen niederschlagen sollte.
Der Vorteil
Wahrscheinlicher wird für den Großteil jedoch der Berufseinstieg in einer relativ artfremden Tätigkeit sein. Überall dort, wo flexible Allrounder benötigt werden, haben Geistes- und Sozialwissenschaftler gute Chancen. Auch oder, vielleicht sogar, gerade wenn das Studium auf den ersten Blick einen roten Faden vermissen ließ. Denn für gewöhnlich erlernen Geistes- und Sozialwissenschaftler die Methode des wissenschaftlichen Arbeitens, bekommen aber, nicht zuletzt durch ihre meist breit gefächerten Aktivitäten während des Studiums, ein hohes Maß an Allgemeinbildung und (fremd)sprachlicher sowie sozialer Kompetenz mit auf den Weg. Beides führt dazu, dass sie Kommunikation und Kreativität auf der einen, Management- und Organisationsvermögen auf der anderen Seite mitbringen, was in dieser Kombination heutzutage immer stärker gefragt ist. So ist sich fast jedes Unternehmen der Notwendigkeit von geeignetem Personal bewusst, das für gute Verbindungen zwischen ihm und dem Kunden bzw. der Öffentlichkeit sorgt. Hierfür sind Geistes- und Sozialwissenschaftler besonders geeignet.
Die Probleme
Dem müssen sie sich erst einmal bewusst werden. Weniger ihre Studiumswahl, sondern vielmehr ihr mangelndes Selbstbewusstsein scheint ihnen beim Berufseinstieg Steine in den Weg zu legen. So ist es nicht verkehrt, bei Bewerbungen die speziellen Fähigkeiten zu betonen, die für das Unternehmen produktives Neuland sein können, oder sich auch auf Stellen zu bewerben, die nicht für Geisteswissenschaftler ausgeschrieben sind. In diesem Zusammenhang kann nicht genug hervorgehoben werden, dass man schon während des Studiums Fähigkeiten vertieft sowie Erfahrungen ausbaut, die, gerade weil sie eine Nische besetzen oder etwas besonderes darstellen, im Berufsleben interessant machen können. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann „handfeste“ Kurse oder gar ein Nebenfach in Feldern belegen, die heute oftmals als selbstverständlich vorausgesetzt werden, zum Beispiel in Statistik, Informatik, Medien oder Wirtschaft.
Durchhaltevermögen ist aber gleichermaßen gefragt. Auch wenn die Chancen vorhanden sind, verläuft der Weg in der Regel nicht so stringent und nahtlos wie bei den Natur- und Wirtschaftswissenschaftlern, deren Studium meist schon die „green card“ für den Job ist. Geistes- und Sozialwissenschaftler brauchen etwas länger, um nach dem Studium mit dem durchschnittlichen Lohnniveau von Hochschulabsolventen Fuß zu fassen. Besonders weil sie häufig Seiteneinsteiger sind, wird ihr Können in der Praxis intensiver auf die Probe gestellt.