Die Antwort dieser Frage lässt sich natürlich nicht generalisierend beantworten, sondern hängt von den individuellen Eigenschaften des jeweiligen „Lerntyps“ ab – eine Problematik, auf die bereits unser Artikel Grundsätze des Studiumsalltags eingeht. Jenseits ultimativer Lesestrategien können an dieser Stelle jedoch einige hilfreiche Anregungen gegeben werden.
Die zwei Vorab-Fragen
Im Grunde genommen fängt richtiges Lesen schon vor dem Lesen an. Seien wir einmal ehrlich. Wenn man den Text lesen muss, stürzt sich meist jeder sofort auf diesen, um die Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Aber halt! Innehalten und rekapitulieren ist angebracht, so auch der persönliche Tipp vieler Dozenten. Einzig anhand der Überschrift lassen sich schon Vorüberlegungen in zweierlei Hinsicht anstellen:
- Was weis ich bereits zu dem Thema, zu den erwähnten Begriffen?
- Welcher Inhalt könnte mich erwarten; in welche Richtung könnte die Argumentation, könnten die Thesen gehen?
Durch ein kurzes Brainstorming, das auf diesen beiden Fragerichtungen beruht, setzt man sich selbst in ein ordnendes, distanzierteres Verhältnis zum Text und schärft das Bewusstsein für diesen, so dass auch der Zugang erheblich erleichtert wird. Wer ganz gründlich vorgehen will, kann sich die Fragen und deren Vorab-Antworten stichpunkthaft notieren und mit den Antworten, die sich dann aus der Lektüre ergeben, in einer Gegenüberstellung vergleichen.
Hintergrundrecherche
Eine Erweiterung dieser Methode, die für regelmäßige Seminarlektüre etwas zu zeitraubend sein dürfte, aber sich beim Durcharbeiten ganzer Monographien bzw. mehrerer Werke eines Autors anbietet, ist die Hintergrundrecherche. Hierbei versucht man, den Verfasser des zu lesenden Inhalts in einen größeren zeitlichen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Zusammenhang einzuordnen, um unter anderem herauszufinden, von wem bzw. von welcher Denkrichtung er beeinflusst ist, was sich hinter dem Thema verbirgt, welche Motivation hinter dem Text steht, auf welchem Forschungsstand dieser basiert usw. Besonders bei grundlegender Lektüre bringt diese Methode auch einen Langzeitnutzen in Form der Vernetzung und Systematisierung des Gesamtwissens mit sich, die wiederum Grundlage für das bessere Verständnis zukünftiger Texte sind.
Die inhaltlichen Fragen
Auch beim Lesen selbst, kommt man, soll es wirklich nachhaltig sein, um das Beachten grundsätzlicher Fragen nicht herum. Hier können vor allem zwei W-Fragen angeführt werden, die das Lesen bestimmen sollten:
- Was?
- Welche Thematik greift der Autor auf?
- Welche Fragestellungen formuliert er?
- Welches Ziel verfolgt er? - Wie?
- Wie sieht seine Argumentation, seine Methode aus?
- Argumentiert er logisch stringent / schlüssig?
- Gibt es eine Zusammenfassung? Ist diese nachvollziehbar?
Anhand dieser Kriterien können zentrale Begriffe, Thesen, Zusammenfassungen, aber auch sich daraus ergebende Fragestellungen und Unklarheiten herausgearbeitet werden. Diese Arbeit lässt sich am besten durch drei, aufeinander aufbauende Schritte erledigen.
Markieren und Notizen
Der erste und bequemste ist das Markieren und Notieren im Text. Wichtig ist es, sich dabei eine einheitliche und rekonstruierbare Vorgehensweise auszudenken. Manch einer arbeitet lediglich mit einem Bleistift, ein anderer mit Markern. Bei letzteren können unterschiedliche Farben jeweils die Art des Hervorgehobenen kennzeichnen: zum Beispiel blau = Name, grün = Definition, rot = besonders wichtig usw. Bei der Verwendung vom Bleistift bieten sich Symbole wie Frage- und Ausrufezeichen, aber auch Abkürzungen an. Das bloße Markieren sollte durch Notizen ergänzt werden, die in knapper Form am Textrand angebracht werden können. Für die Übersichtlichkeit bietet es sich an, einzelne Abschnitte zusammenfassend mit einer Überschrift zu versehen oder besonders wichtige Inhalte nochmals als Stichpunkt neben den jeweiligen Absatz zu schreiben. Hierher gehören auch diesbezügliche Fragen. Aber Achtung: Zu viele Notizen und Markierungen sorgen für Chaos. Die Kunst besteht darin, sich auf das Wesentliche zu beschränken.
Das Exzerpt
Mühevoller, aber einprägsamer ist das Anfertigen eines Exzerptes. In ihm wird der Text auszugsweise, aber zusammenfassend mit eigenen Worten, Schlagworten oder wörtlichen Zitaten in knapper Form wiedergegeben. Das kann anhand einer spezifischen oder einer allgemeinen Fragestellung geschehen. Das Exzerpt sollte der Struktur des Textes folgen. Alle Ausführungen, egal ob eigene Gedanken oder Zitate, erfordern einen genauen bibliographischen Hinweis (Seitenzahl, Absatz), um ihr schnelles Auffinden für ein genaueres Nachlesen zu gewährleisten. Die übersichtlichste Darstellungsform ist sicherlich eine Tabelle mit nicht mehr als drei Spalten (1. Spalte: Inhalt – wortwörtlich oder paraphrasiert; 2. Spalte: bibliographischer Hinweis; 3. Spalte: Kommentare, Schlagwörter, Fragen). Da man dadurch den Text auf einen Blick vorliegen hat, bietet sich ein Exzerpt vor allem dann an, wenn man ihn für das Studium weiterhin benötigt.
Die Datenbank
Als Profi-Variante zumindest für all diejenigen, die das wissenschaftliche Arbeiten zu ihrem Beruf machen wollen, ist das Anlegen einer Datenbank zu empfehlen. Was jedoch früher nur umständlich mit Karteikartenkästen zu bewerkstelligen war, lässt sich heute mit entsprechender Software relativ einfach in den Begriff bekommen. Solch eine Datenbank basiert letztendlich auf dem Exzerpt-Prinzip. In digitaler Form hat sie den Vorteil, dass sie praktisch unbegrenzt um weitere Informationen ergänzt und variabel nach verschiedenen Kriterien und Schlagworten durchsucht werden kann. Problemlos können dadurch alle gelesenen Texte miteinander vernetzt werden. Der Überblick ist jederzeit gewährleistet und das Gelesene versandet nicht.
Tipps allgemein
Wissenschaftliche Texte sind aufgrund ihrer spezifischen Ausrichtung meist mit Fachtermini gespickt. Daher empfiehlt es sich, immer ein Nachschlagewerk oder ein Fremdwörterbuch zur Hand zu haben.
Wissenschaftssprache ist ebenso durch einen komplizierten Satzbau gekennzeichnet, was ein entsprechend langsames Lesetempo sinnvoll macht. Nicht nur lautes, wiederholtes Vorlesen vertrackter Stellen, sondern auch das Zerlegen besonders langer Sätze kann das Verständnis erleichtern.